Einfach nicht die Papp’n halten können

Einige Wochen KPJ befinden sich bereits hinter der Studentin – es ging schneller, als erwartet. Und: es ging auch besser, als erwartet. Einige Tiefschläge gab es natürlich auch. Das erste Mal ein Medikament falsch verabreicht (Gott sei Dank ohne schlimme Folgen für die Patientin), die (erfolgreiche) Reanimation des eigens aufgenommenen Patienten und last, but not least, die Zusage auf eine Facharztausbildungsstelle (sollte die Ärztekammer diese denn jemals gemäß der neuen Ausbildungsordnung bewilligen). Wovon soll also als erstes berichtet werden? Von den Fehlern? Vielleicht erst später. Von den Verkupplungsversuchen älterer Patienten mit Söhnen/Enkeln? Auch lieber zu einem anderen Zeitpunkt (aber keine Sorge, deren Geschichten sind zahlreich.) Ah ja, davon, dass die Studentin manchmal einfach nicht ihre Papp’n halten kann – und sich die sarkastische Wortkotze dann einfach auf den Patienten verteilt.

Die Studentin befindet sich nun seit fast 4 Monaten auf einer Notfallabteilung in Wien und ist eigentlich eine Person, die sehr freundlich zu Patienten ist – oder es zumindest versucht. Aber es gibt, vor allem während 12 (oder auch mal 14)-Stunden-Schichten, einfach mitunter Momente, wo ihr nicht nur das Gesicht einschläft, sondern auch das Sprachzentrum macht, was es will. Ist man dann auch noch mit einer gewissen Wortgewandtheit ausgestattet – oder, wie es auf Wienerisch auch gerne ausgedrückt wird „ned auf de Gosch’n gfalln“ – landet man ganz schnell beim Sarkasmus. Wieso? Weil man die Arbeit hier sonst wohl nicht auf Dauer aushalten würde.

Bestimmte Dinge lernt man auf einer Notaufnahme schnell, daher hier die 3 goldenen Regeln für ein friedliches Leben auf der NFA:

  1. Die Türe zum Ambulanzbereich NIE ohne Grund offen lassen.
  2. Wenn jemand an die Ambulanztüre klopft, ja nicht selber aufmachen.
  3. Niemals, aber wirklich niemals, den Wartebereich betreten. Und wenn es wirklich sein muss – dann immer in Begleitung einer Pflegeperson. Frei nach dem Motto: sollte einer von den wartenden Patienten festgehalten werden, kann der andere immer noch Hilfe holen.

Die Studentin versteht die Patienten – prinzipiell zumindest. Sie befinden sich in einer Ausnahmesituation (Krankenhaus), sind oft besorgt und aufgeregt, mitunter ist die Kommunikation zwischen medizinischen Fachpersonal und Patient nicht die beste. Zusätzlich muss aber auch gesagt werden, dass die Erwartungshaltung einfach auch eine ist, die allein aus logistischen Gründen nicht erfüllt werden kann. Patienten glauben, sie gehen ins Krankenhaus, kommen sofort dran, erhalten ein „Pulver“ und gehen geheilt wieder nach Hause.

NOT. Das ist nicht der Alltag. Patienten verbringen, selbst wenn ihnen rein gar nichts fehlt (und man dies auch von Beginn der Anamnese an weiß), mehrere Stunden auf einer Notaufnahme. Das ist der Alltag hier. Hier wird erweiterte Hausarztpraxis gespielt. Da drängt man Patienten das Schmerzmittel über den venösen Zugang auf, weil sonst hätte sich die ganze Arbeit, die man bisher geleistet hat, ja nicht gelohnt. Aber dann gibt es immer wieder diesen einen Patienten, der mit echten Beschwerden kommt und dem wirklich geholfen werden kann. Wie bereits angesprochenem Patienten, der erfolgreich reanimiert werden konnte. Ursprüngliche wollten die Studentin und der Facharzt ihn gar nicht stationär an der NFA aufnehmen. Doch irgendwie hatten beide dann doch ein komisches Gefühl (und er hatte einfach ein „schiaches“ EKG). Und – Gott sei Dank – denn nach einigen Stunden schlitterte ebendieser dann in ein Kammerflimmern – und konnte erfolgreich reanimiert werden (übrigens die erste Reanimation für die Studentin am echten Patienten). Ohne schwerwiegende bleibende Schäden. Wäre er nach Hause geschickt worden, wer weiß, wie es ausgegangen wäre? Es wurde also ein Leben gerettet. Die Studentin und der Facharzt klopfen sich gegenseitig auf die Schulter. Und dann macht irgendwer einen sarkastischen Kommentar. Weil Ärzte – und Studenten –  auch nur ganz normale Menschen sind.

Zitate

„Hier ist ja ordentlich was los.“
„Ja, wie an einem Sonntag beim Billa am Praterstern.“
Studentin zu einer Begleitperson, nach einem eher schwierigen Bettumschiebemanöver im Wartebereich.

„Kann ich das nicht auch als Tablette nehmen?“
„Sei ma ehrlich, wenn’s das auch als Tablette nehmen können, hätten’s auch gleich daheim bleiben können.“
Studentin zur Patientin, die aufgrund von starken Schmerzen der Halswirbelsäule (seit mehreren Jahren) an einem Sonntag die NFA aufsucht. Schmerzmittel nimmt die Patientin nur ungern, da sie letztes Mal darauf mit Magenschmerzen reagierte. Beim Orthopäden war sie auch noch nie.

„Tschuldigung, is‘ mein Brief schon fertig?“
„Wohl nicht, sonst hätten’s ihn wahrscheinlich schon.“
Standardantwort der Studentin an Patienten, die ungefragt im Ambulanzbereich auftauchen.

„Schwester, wie lang dauert die Infusion noch?“
„So lange sie halt dauert.“
Dass die Studentin laufend als Schwester bezeichnet wird, ist ihr inzwischen fast egal. Dass sie die Flussgeschwindigkeit der Infusion nicht nach Augenmaß abschätzen kann, auch.

„Ist mein Befund schon da?“
„Ich weiß es nicht – ich kenne ja nicht mal Ihren Namen.“
Reaktion der Studentin, nachdem sie den Kardinalfehler begangen hat, alleine den Wartebereich zu betreten.

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